Genre: Science Fiction Adventure
Erschienen: 1. November 1999 für PC, 22. Juni 2000 für Sega Dreamcast
Alterseinstufung: USK ab 16
Fast jeder hat doch zumindest eine Meinung zu den letzten beiden Titeln des Entwicklerstudios Quantic Dream unter der Leitung von David Cage, einem der letzten großen Gesichter der Branche. Während bei Fahrenheit die Meinungen stark auseinander gehen, genießt das PS3-exklusive Heavy Rain einen ganz besonderen Referenzstatus, wie ihn nur ganz wenige Titel der letzten Dekade erreicht haben. Doch wie sieht es mit ihrem Erstlingswerk Omikron: The Nomad Soul über 10 Jahre nach der Veröffentlichung für PC und Dreamcast aus? Ob es hier auch nach so langer Zeit zur Seelenverwandtschaft zwischen Spieler und Spiel kommt?
Das Debüt des damals noch gänzlich unbekannten französischen Studios erfolgte Ende 1999 für heimische Computer, einige Monate später bereicherte eine Dreamcast-Version noch die allzu kurze Lebensspanne der letzten Sega-Konsole. Für dieses Review liegt die PC-Version zugrunde, nach der Installation von drei Datenträgern dürfte sich heutzutage erstmal Ernüchterung breit machen. Grund dafür sind diverse Kompatibilitätsprobleme mit modernen Rechnern, die dem Spielstart einen Riegel vorschieben können. Abhilfe könnte ein verfügbarer Patch (zum Download hier klicken) schaffen, zumindest eröffnete diese Hilfe uns erst die utopische Science-Fiction-Welt von Omikron. In dieser findet sich der Spieler – oder besser gesagt: seine Seele - nämlich nach einer stimmungsvollen Einführungssequenz wieder. Durch eine Art Dimensionstor landet der omikroanische Polizist Kay´l 669 genau auf dem Bildschirm unseres Computermonitors. Er habe nur wenig Zeit alles zu erklären, das Universum wie wir es kennen schwebe in großer Gefahr und nur wir als „Nomad Soul“, also eine Art wandernde Seele, könnten sie retten. Dazu übernehmen wir zu allererst eben seinen Körper, werden aber bereits nach der unsanften Ankunft von einem Dämonen überfallen. Eine Sicherheitseinheit verhindert zwar vorerst schlimmeres, aber wir sind vorerst vollkommen auf uns allein gestellt. Erste Anhaltspunkte finden sich in Kay´l´s Wohnung, wo bereits Freundin Telis wartet. Diese erkennt nur die sterbliche Hülle des Geliebten, als „Nomad Soul“ erkennen den Spieler lediglich die verbündeten Erweckten und natürlich die Seelen-saugenden Dämonen. Sie offenbart uns, dass Kay´l sowie Kollege Den tagelang während eines Einsatzes wie vom Erdboden verschluckt waren. Schon wenig später findet sich der Spieler auf der scheinbar richtigen Fährte um die Welt von Omikron zu retten. Zwar verliert sich die spannende Grundsituation später in einigen unnötigen Verwirrungen, ist aber für damalige Verhältnisse durchaus ansprechend in Spielgrafik während der zehn- bis zwanzig-stündigen Spielzeit präsentiert, motiviert zudem durch einige Wendungen sowie spielerische Besonderheiten doch bis zum Schluss.
The Nomad Soul erscheint nämlich 1999 in einer interessanten Zeit für dreidimsionale Action-Abenteuer dank Veröffentlichungen wie Soul Reaver, Shadowman oder Outcast und zählt wegen einiger Besonderheiten zu den nennenswerten Genre-Vertretern der Jahrtausendwende. Am ehesten lässt sich das Erlebnis noch mit Outcast vergleichen, wenngleich es dessen Qualität nicht zu erreichen vermag. Den größten Aufhänger stellt die Seelenwanderung dar: Unsere menschliche bzw. außerirdische Hülle ist vergänglich, aber die Seele muss überleben! Segnet also ein Wirt einmal das Zeitliche, was durchaus vorkommen kann, so ist das Abenteuer nicht zwangsweise beendet. Derjenige, der die Leiche als erster berührt, dient fortan als neuer Seelenträger. Es muss aber nicht zwangsweise das Ableben nach einem verlorenen Kampf sein, auch der Reinkarnationszauber im Inventar lässt diese Möglichkeit zu. Beispielsweise gibt ein Händler eine wichtige Information nicht heraus, alle unsere Überredungskünste verlaufen im Sande. Kurzerhand übernehmen wir einfach den Körper einer attraktiven Kundin, als solche wird man schließlich auch bei alltäglichen Autopannen bevorzugt geholfen. Dummerweise können wir nach der erfolgreichen Aktion nicht wieder in den alten Körper zurück. Fehler offenbart das innovative System noch weitere: Zu fast keinem Zeitpunkt kann man sich wirklich mit der jeweiligen Figur identifizieren. Man sollte sich von vorneherein mit dem Umstand anfreunden hier nur seine Seele durch die Umgebung zu steuern. Dafür gibt es eine handvoll interessanter Nebencharaktere, etwa Komplizin Jenna, Roboter Sox oder Boz (dieser gesprochen und verkörpert von David Bowie). Das ist schade und verschenkt viel ausgelassenes Potenzial, denn die Entwickler konnten danach insbesondere mit Heavy Rain fantastische Figuren auf den Bildschirm bannen. Theoretisch ist das einfach ein Fakt und wesentlicher Kritikpunkt des Spiels. Großes Aber: Praktisch muss man den Entwicklern und dem Spiel zugute halten, dass das große Thema von The Nomad Soul die Selbstfindung ist. Wir als Spieler werden von Anfang an direkt als Videospieler angesprochen und so auch von den Eingeweihten fortan behandelt. Gerade dieser Punkt macht den Titel dann doch schon ziemlich kontrovers und vielleicht ist genau das der Hauptgrund, um dieses Spiel durchzuspielen. Zweifelsfrei ärgerlich ist es aber, wenn der Charakter gerade erst durch das Rollenspielsystem ordentlich aufgewertet wurde, nach 10 Minuten aber zwangsweise ein neuer Wirt her muss. Das Inventar samt Inhalt bleibt in diesen Fällen zwar bestehen und bekommt hier und da noch einen netten Gegenstand hinzu, die Fähigkeitswerte sind aber bis auf wenige Ausnahmen dann deutlich schlechter.
Diese Fähigkeitswerte kommen speziell bei Beat-em-Up-Kampfeinlagen zum Tragen: Sind Energie, Angriff, Mana, Widerstandskraft, Verteidigung, Ausweichen sowie Geschwindigkeit hoch, so stehen die Chancen nicht schlecht für einen Duellsieg. Steigern lassen sie sich entweder durch virtuelle Trainingssimulationen, Arenakämpfe, außerirdische Trainer oder durch Tränke sowie bestimmte Bücher. Für diese zumeist sehr kurzen Kampfeinlagen gibt es optional drei Schwierigkeitsstufen und zwei Perspektiven, wobei das seitliche Pendant bevorzugt werden sollte. Qualitativ sind jene Kampfeinlagen genauso weit weg von damaligen Referenztiteln der Marke Street Fighter oder Virtua Fighter wie die flotten Ego-Shooter-Sequenzen damals von Half Life oder Unreal. Sogar schwächer als Daikatana und das soll was heißen. Hier fällt die bestenfalls durchschnittliche künstliche Intelligenz ins Auge. Steuert man die Spielfigur die restliche Spielzeit über eine überraschend angenehme Schulterperspektive, tun solche anspruchslosen Auflockerungen aber auch mal gut um Missionen erfolgreich zu absolvieren. Diese fügen sich gut in Omikron´s frei begehbare, verwinkelte Stadtbezirke und Gebäude, fernab von der Manipulation von Sendetürmen oder Brücken, der Enttarnung von Verrätern (auch heutzutage noch Klischee-Wendung Nr. 1 in ähnlichen Spielen) werden einige interessante und weniger interessante Dialoge geführt. Dabei werden Hauptpersonen mit Ausnahme der eigenen Spielfigur durchaus professionell von den bekannten deutschen Synchronstimmen für Al Pacino, Pamela Anderson, Bruce Willis und David Bowie vertont während unwichtige Passanten überwiegend nur kurze Sätze im Textfenster wiedergeben. Auch hier gilt: Für damalige Verhältnisse war das Gebotene überaus gelungen, was man auch noch aktuell von Steuerung und Kamera behaupten kann, wenn man sie denn vernünftig nach den eigenen Komfortwünschen im Optionsmenü verändert hat – dadurch funktionieren Laufen, Ducken, Springen, Kämpfen, Schießen sowie Schwimmen erstaunlich gut. Ist der Spieler nicht gerade mit solchen einnehmenden Dingen beschäftigt, so löst er einige gut gemachte Rätsel. Was anfangs noch aus viel Detektivarbeit besteht, bietet im weiteren Spielverlauf etliche Schalter-, Schiebe- und Symbolrätsel.
Viel Zeit wird aber einfach darin investiert, wichtige Objekte für das nervige Inventar zu finden, welches lediglich 18 Plätze bietet und so ständig vorerst unwichtig erscheinende Gegenstände zwischen Inventar und Terminal verschoben werden müssen. Glücklicherweise stehen diese in großzügiger Regelmäßigkeit und Stückzahl in der Spielumgebung verteilt, bei jedem der Geschäfte sowieso. Deren Besitzer handeln gegen harte Omikron-Währung beispielsweise Medikits, Waffen, Tränke oder Munition. Auf der hilfreichen Übersichtskarte sind interessante Örtlichkeiten markiert und lassen sich per Slider, intergalaktische Taxis, erreichen: Sie werden gerufen, sie fahren vor, wir steigen ein und werden so komfortabel zum Ziel gefahren. Alles funktioniert einfach wunderbar einfach mit unserem jederzeit aufrufbaren Sneak am linken Arm. Auf Omikron gibt es dafür kein einziges iPhone. Bevor GTA-Fans fragen: Nein, selber fahren kann man in The Nomad Soul nicht. Fahrzeuge haben ja schließlich keine Seele und Hasbro´s Transformers existieren in diesem Universum schlicht und ergreifend nicht. Etwas gewöhnungsbedürftig könnte vielen das Speichersystem vorkommen: Hier und da liegen goldene Ringe herum, an bestimmten Stellen kann mit diesen der Spielstand gesichert werden. Grafisch mag Omikron zwar nicht das schönste Videospiel seiner Zeit, aber mit ihrer Mischung aus düsteren und dreckigen Häuserschluchten, hellen und altägyptisch anmutenden Klotzbauten, dem Venedig eines Paralleluniversums sowie Schnee- und Urwaldgebieten schafft das Spiel ein sehr stimmungsvolles Ambiente. Ein Hauptgrund, diesen Titel auch heute noch mal ins Laufwerk zu legen, dürfte auf jeden Fall die gelungene Science-Fiction-Atmosphäre sein. Was hier an Detailreichtum und größerer Sichtweite fehlt, wird so durch tolle optische Aufmerksamkeiten wieder gut gemacht. Der tolle Soundtrack von David Bowie ist das viel zitierte Sahnehäubschen auf der Stimmungstorte.
Fazit: The Nomad Soul ist auch heute noch einige Stunden Spielspaß wert, um in einer Science-Fiction-Welt voller unübersehbarer Einflüsse abzutauchen. Ein tolles Spiel des Videospieljahrgangs 1999 zum Thema "Selbstfindung".

Kommentare:
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